persönliche Assistenz

Mehr als nur ein Nebenjob

Als der Sohn von Gabriele B auf eigenen Beinen stand, entschied sich die damals 48-jährige Wienerin dafür, nebenberuflich in einem Betreuerteam für eine spastisch gelähmte junge Frau zu arbeiten.

Geplant war das nicht, erinnert sich Gabriele B. „Ich wusste nur, dass ich etwas Neues machen wollte.Vielleicht war es auch eine Form der Midlife-Crisis, der Wunsch, mein Leben und das, was für mich wichtig ist, zu überdenken und neue Erfahrungen zu machen.“ Eher durch Zufall stieß sie beim Durchforsten der Stellenanzeigen auf eine Annonce, in der eine Frau eine Betreuerin für ihre schwerbehinderte Schwester suchte. „Ein sozialer Beruf stand eigentlich nie auf meinem Plan, doch schon seit frühester Kindheit habe ich mich gerne um andere Menschen gekümmert. Was die ausschlaggebenden Gründe waren, die mein Interesse an genau dieser Anzeige geweckt haben, kann ich nicht sagen.
Es war vielmehr das Gefühl, dass das genau das sein könnte, wonach ich im Grunde meines Herzens gesucht habe.“ Anfangs war Gabriele natürlich unsicher, ob sie die Familie auch wirklich unterstützen könnte. Sie wußte wenig über die Bedürfnisse behinderter Menschen und dachte in erster Linie an medizinische Betreuung. Doch im Laufe des ersten Gesprächs wurde ihr klar, dass es dabei um ganz andere Dinge geht. Nämlich darum, die Einschränkungen zu kompensieren, einfach das zu tun, was der andere aufgrund der körperlichen Einschränkung nicht machen kann. Sie entschied sich also, es zu versuchen, auch weil die Mutter und die Schwester ihr versicherten, dass sie das könnte.
Auch die anderen Betreuerinnen – das Team für die 24-Stunden-Betreuung besteht aus insgesamt sechs Frauen – kommen aus dem nicht-medizinischen Bereich. „Entscheidend war natürlich, ob die Chemie zwischen mir und Angela dann auch stimmen würde.“ Aber sie hat gestimmt. Seit mittlerweile fast drei Jahren teilt sie regelmäßig das Leben mit Angela bzw. hilft ihr dabei, ein möglichst normales Leben zu führen. „Das reicht vom Füttern, der Körperpflege und den normalen Arbeiten im Haushalt über Vorlesen und Kartenspielen, Spaziergänge, Einkaufsbummel und Kinobesuche bis hin zu Urlaubsreisen“, erzählt Gabriele B.

Tatkräftige und emotionale Stütze
Gabriele bezeichet ihre Beziehung zu Angela als gut funktionierende Zweckgemeinschaft mit einem großen emotionalen Aspekt. Denn auch wenn man sich sehr nahe kommt, muss man ihrer Meinung nach immer eine gewisse Distanz wahren. Letztlich ist man ein Handlanger, im besten Sinne des Wortes, und dazu da, die Hilfestellung zu geben, die sich der andere wünscht, meint sie. „Ich glaube, der größte Unterschied zwischen der persönlichen Assistenz und der klassischen Pflege ist, dass der zu Betreuende die Richtung bestimmt.
Ich kann Vorschläge machen, aber letztendlich liegt die Entscheidung bei Angela.“ Bei aller persönlichen Sympathie eine gewisse Distanz zu wahren, sei zudem auch aus emotionalen Gründen wichtig. „Ich glaube, Mitleid ist das Letzte, das sich Menschen wie Angela wünschen. Natürlich hadert sie manchmal mit ihrem Schicksal – diese Phasen sind für mich, die Familie und die anderen Betreuerinnen psychisch sehr anstrengend. Dann ist mitfühlen, aber vor allem anpacken wichtiger als mitzuleiden. Sowohl im privaten Umfeld als auch insgesamt auf gesellschaftlicher Ebene.“

Da ist nach Gabrieles Meinung noch viel zu tun. Zwar sind Busse heute schon mit Rollstuhlrampen ausgestattet, aber dafür braucht man die Hilfe des Busfahrers oder Passanten. „Ich sehe schon ein, dass das Ausklappen der Rampe für den Fahrer eine zusätzliche Arbeit bedeutet, aber es ist ärgerlich und eigentlich auch verletztend, wenn man an seinem Blick sieht, dass ihm die Unterbrechung seiner normalen Routine nicht wirklich recht ist“, sagt sie.

Sinnvolle Tätigkeit
Dabei sieht sie die Gründe nicht so sehr in einer generellen Ablehnung von Menschen, die eben anders als die Masse sind: „Unsere Gesellschaft ist – ob es einem nun gefällt oder nicht – vor allem darauf ausgelegt, dass jeder funktioniert. Menschen, die aufgrund des Alters oder einer körperlichen oder geistigen Einschränkung da nicht Schritt halten können, werden daher oft als Störfaktor empfunden. Dabei vergessen die Menschen, die sich insgeheim oder manchmal auch lautstark darüber aufregen, dass ihnen selbst das Alter mit all seinen Einschränkungen ebenfalls noch bevorsteht.“ Viele hätten einfach wenig bis keine Erfahrung im Umgang mit alten oder beeinträchtigten Menschen, und aus dieser Unsicherheit komme es dann zu einem falschen oder auch ungewollt respektlosen Verhalten. „Aber wenn das Interesse da ist, kann man vieles lernen“, erklärt sie weiter und nennt als Beispiel dafür all die Tätigkeiten, die anfangs neu und ungewohnt, mittlerweile aber schon fast Routine geworden sind. Das Hantieren mit dem Rollstuhl, der bei Ausfahrten mit dem Auto (das übrigens nicht umgerüstet wurde) natürlich immer mit dabei ist. Auch das Heben und Umbetten ihres Schützlings bereitet keine Probleme. „Es geht ja nicht einfach darum, 40 Kilogramm zu heben, sondern um die Art und Weise, wie man es tut. Im Vordergrund steht dabei nicht, wie es für mich am bequemsten ist, sondern für Angela am angenehmsten. Das hat sich erstaunlich schnell eingespielt.“
Bereut hat Gabriele B. ihre Entscheidung bis heute nicht, auch wenn der Zeitaufwand und die Verantwortung hoch sind. „Es ist ja nicht nur so, dass ich jemandem helfe, auch für mich selbst ist das neben dem Zusatzverdienst eine wichtige Bereicherung. Durch den engen Kontakt zu Angela und ihrer Familie hat sich meine Sichtweise auf das Leben geändert. Die eigenen Probleme verschwinden natürlich nicht, aber man nimmt sie anders wahr und vieles nicht mehr ganz so wichtig.“

@FOTO: Fotos: privat

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