Die Krux mit der mobilen Pflege

Die Novelle zur 24-Stunden-Pflege ist beschlossene Sache und wird von den heimischen Hilfsorganisationen begrüßt. Zu tun gibt es im weiten Feld „mobile Pflege & Betreuung“ aber noch jede Menge.

96 % der Wiener, die Leistungen der mobilen Pflege und Betreuung beziehen, sind damit zufrieden. Zu diesem Befund kommt eine kürzlich veröffentlichte Kundenbefragung des Fonds Soziales Wien (FSW), an der rund 3.700 Personen teilgenommen haben. Bereits im Jahr 2012 hat der FSW seine Kunden zur mobilen Pflege und Betreuung in Wien befragt. Schon damals waren die Werte richtig gut. Jetzt, zwei Jahre später, haben sie sich in nahezu allen Bereichen bestätigt respektive sogar weiter verbessert.

Kosten angemessen
„Ich freue mich, dass wir das hohe Niveau in der Pflege und Betreuung zu Hause nun schon das zweite Mal bestätigt bekommen. Hohe Qualität und Zufriedenheit zu erreichen, ist ebenso wichtig, wie diese über Jahre zu halten“, so Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely. Besser als vor zwei Jahren wurde zum Beispiel das Thema Kostenregelung und insbesondere die Angemessenheit des Kostenbeitrags von den Befragten beurteilt. 89 % gaben an, dass sie die Höhe des Beitrags als fair und angemessen betrachten. Wehsely: „Neben Qualität der Pflege und Betreuung in Wien ist ganz besonders wichtig, dass sie auch für alle leistbar ist. Ein fairer Kostenbeitrag, mit dem unsere KundInnen gut leben können, trägt zum sozialen Ausgleich bei.“

In Bezug auf die Rund-um-die-Uhr-Betreuung von Menschen in ihrem Zuhause soll laut Regierungsprogramm heuer österreichweit so manche Verbesserung auf den Weg gebracht werden. Eine dieser avisierten Maßnahmen passierte am 19. Mai den Ministerrat: Die Novelle des Gewerberechts zur Trennung zwischen Vermittlern von

24-Stunden-Betreuern und Betreuenden selbst. Für den hierfür zuständigen Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) kommt diese einer „Reform der 24-Stunden-Pflege“ gleich, die mehr Transparenz schaffen würde. „Mit über 20.000 betreuten Personen hat sich die 24-Stunden-Pflege zu einem wichtigen und gut angenommenen Modell entwickelt. Umso wichtiger ist es, die Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln. Dafür schafft diese Reform wichtige Voraussetzungen“, so Mitterlehner.

Novelle wird gutgeheißen
Hilfsorganisationen wie die Caritas oder das Hilfswerk begrüßen diese gewerberechtliche Trennung, fordern aber weitere Maßnahmen zur Qualitätssicherung. „Es geht darum, die Qualität in der Vermittlung von Personenbetreuung zu verbessern. Dies wird leichter gelingen, wenn sich Agenturen als ein eigenes Gewerbe deklarieren müssen“, so Alexander Bodmann, Vorsitzender von „Caritas Rundum Zuhause betreut“. Immer wieder ist die 24-Stunden-Betreuung Kritik ausgesetzt. Das System grundsätzlich in Frage zu stellen, würde jedoch die Betreuung vieler älterer Menschen zu Hause gefährden. „Die 24-Stunden-Betreuung ist mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil der österreichischen Betreuungslandschaft geworden, etwa 25.000 Menschen werden regelmäßig so betreut“, weiß Walter Marschitz, Geschäftsführer des Hilfswerks Österreich. „Seriöse Agenturen, die sich um faire Vertragsverhältnisse und Bedingungen für die Personenbetreuer ebenso bemühen wie um eine laufende Qualitätssicherung und Begleitung beim Kunden, stehen in Konkurrenz zu unseriösen Agenturen, die die 24-Stunden-Betreuung als Weg zum schnellen Geld auch unter Ausnützung der PersonenbetreuerInnen sehen.“

Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung wird es hierzulande einen starken Anstieg der Pflegebedürftigkeit geben. Darauf sei Österreich aber nicht vorbereitet, mahnt Hilfswerk-Präsident Othmar Karas. „Es gibt heute schon zu wenig Personal, und ab 2016 werden pro Jahr zusätzlich 1.000 Pflegekräfte gebraucht.“ Die schlechten Rahmenbedingungen würden es Menschen in Österreich unnötig schwer machen, sich für den Pflegeberuf zu entscheiden. „Die Verantwortlichen in Bund und Ländern tun viel zu wenig, um die notwendige Anerkennung für Menschen, die Pflege leisten, auch spürbar zu machen, entweder direkt – bei den Pflegenden im Bundes- und Landesdienst – oder indirekt über die Leistungssätze, die privaten Trägern pro Stunde bezahlt werden“, so der Präsident, für den auch die Einführung von berufsbildenden höheren Schulen für Sozial- und Pflegeberufe dringend sei.

Guter Rat ist oft gratis
Dem Hilfswerk liegt derzeit die „Pflegeberatung“ besonders am Herzen. Dies vor dem Hintergrund, dass es in der Pflege und Betreuung zahlreiche Formen der Unterstützung und Förderungen gibt. Wenn Menschen plötzlich Pflege und Betreuung benötigen, stehen Betroffene und deren Angehörige oft vor einer Vielzahl an Fragen wie

etwa jenen nach den Möglichkeiten, Therapien oder Kosten.

„Die Unterstützungsmöglichkeiten sind sehr vielfältig, aber für jemanden, der noch nie damit zu tun hatte, nicht so leicht zu durchschauen“, weiß Monika Gugerell, Pflegeexpertin beim Hilfswerk. Sie empfiehlt daher, von Beginn an professionellen Rat bei einer Pflegeorganisation wie dem Hilfswerk einzuholen. Gugerell: „Eine Pflegeberatung vor Ort ist der erste wichtige Schritt. Sie wird regional unterschiedlich gefördert, in vielen Fällen ist diese Beratung für die Betroffenen sogar gratis.

Drei Herausforderungen
Insgesamt 2,2 Millionen Pflegestunden leistet die Caritas in der mobilen Betreuung und Pflege. „Die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserem Land wünscht sich, zu Hause und in der gewohnten Umgebung alt werden zu können“, so Judit Marte-Huainigg, Leiterin des Referats für Grundlagen und Sozialpolitik der Caritas. Je besser man die mobilen Dienste ausbaue und je flexibler man diese gestalte, so die Referatsleiterin, „umso mehr Menschen können wir diesen Wunsch auch möglich machen.“ Marte-Huainigg sieht dabei drei große Herausforderungen: „Die erste besteht darin, dass wir die Unterstützung von pflegenden Angehörigen verbessern, denn dieser soziale Background ist unverzichtbar.“ Zweitens gelte es, die ganz große Lücke zwischen der 24-Stunden-Betreuung und den mobilen Diensten, die ja oft nur für ein oder zwei Stunden gefördert würden, zu schließen. „Viele können sich keine 24-Stunden-Betreuung leisten oder verfügen auch nicht über die räumlichen Voraussetzungen für ein solches Angebot. Wir brauchen daher auch ein leist- und gestaltbares Modell der Halbtagesbetreuung.“ Die dritte Herausforderung ortet Marte-Huainigg in der Vereinsamung von alten und hochbetagten Menschen. „Einsam- und Verlassensein müssen wir verhindern – durch eine bessere Einbindung der alten Menschen in bestehende soziale Netzwerke, Pfarren, Kulturtreffpunkte, Seniorenrunden oder durch das freiwillige Engagement von Mitmenschen und eine engagierte Nachbarschaft.“

Wider den Wildwuchs
Der Arbeiter-Samariter-Bund Österreichs nahm den „Internationalen Tag der Pflege“
am 12. Mai zum Anlass, an die Wichtigkeit von Qualitätsstandards in der Pflege
zu erinnern. Gerade die 24-Stunden-Betreuung gewinnt zunehmend an Bedeutung und bedarf daher strenger Qualitätskontrollen.
„Derzeit hätten wir mit den österreichweiten Pflegeeinrichtungen keine Kapazität, alle Pflegebedürftigen aufzunehmen, die eine Betreuung rund um die Uhr benötigen“, so Christine Ecker, Leiterin Stabsstelle Gesundheit und Soziale Dienste des Samariterbundes.

Mit der „Gut umsorgt GmbH“ stellt der Arbeiter-Samariter-Bund Österreichs bereits das vierte Jahr professionelle 24-Stunden-Betreuung sicher. Oft ist die Betreuerin aus dem Ausland die unverzichtbare gute Seele des Hauses, ohne die der Alltag nicht mehr bewältigt werden könnte. Die Auswahl einer qualitativen Hilfe im Wildwuchs der Betreuungsagenturen ist allerding schwierig geworden. „Eine Trennung der Gewerbe zwischen PersonenbetreuerInnen und Vermittlungsagenturen in der

24-Stunden-Betreuung sehen wir daher als wichtigen Schritt, um die Qualität der Betreuung zu sichern. Wir fordern darüber hinaus ein generelles Qualitätssiegel, regelmäßige Qualitätskontrollen, dazu auch in der Auflistung der Kosten eine genormte Darstellung mit höchstmöglicher Transparenz“, so Ecker. Das gebe den Beziehern der 24-Stunden-Betreuung und ihren Angehörigen mehr Sicherheit.

Gütesiegel in Arbeit
„Die rund 50.000 aktiven selbständigen Pflegerinnen und Pfleger, die in Österreich tätig sind, leisten hervorragende Arbeit. Dass sich die Zahl der Förderbezieher bei der 24-Stunden-Pflege in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat und gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel angewachsen ist, zeigt, wie stark diese Dienstleistung von pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen nachgefragt wird“, so Anna Maria Hochhauser, Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, Anfang des Jahres. Damit auch in Zukunft die Qualität in der Vermittlung von qualifizierten Pflegern gesichert sei, würden derzeit in der Branche Mindeststandards für Vermittlungsagenturen im Rahmen eines Gütesiegels erarbeitet. „Wir wissen aus zahlreichen Umfragen, dass sich der Großteil der Menschen in Österreich wünscht, in der gewohnten Umgebung, den eigenen vier Wänden, alt zu werden. Ohne die 24-Stunden-Betreuung wäre das nicht möglich“, so Hochhauser.

Bei der Diakonie in Salzburg, die mobile Betreuung nur in Salzburg anbietet, begrüßt man die Novelle ebenso, kritisiert jedoch den Mangel an Diplom-Pflegepersonal sowie die Spezialisierung und verkürzte Einsatzdauer (1,5 Stunden statt wie früher zwei Stunden). Diese würden laut Robert Damjanovic, dem Leiter von Diakonie.mobil, die Bezugspflege- und -betreuung erschweren und längerfristig zusätzliche Kosten verursachen. Insgesamt gehen 68 Mitarbeiter für Diakonie.mobil zu Werke – fast ausschließlich in Teilzeit. Damjanovic weiter: „Wir haben es zudem vermehrt mit psychisch beziehungsweise sozial auffälligen KlientInnen zu tun, die noch immer über Haushaltshilfe betreut werden.“

Entlastende Angebote für pflegende Angehörige würden für ihn zunehmend wichtiger, wofür es aber noch immer zu wenige Angebote gebe. „Die Pflegelücke entsteht, weil oftmals nur entweder stationäre Versorgung in Pflegeheimen oder nur Betreuung durch Angehörige möglich ist. Zwischenformen wie mobile Dienste haben starke Begrenzungen – zum Beispiel nur wenige Wochenstunden. Tageszentren, Kurzzeitpflege, Übergangspflege etc. sind oft überhaupt nicht verfügbar. Professionelle Pflege ist daher oftmals regional nicht vorhanden oder schlichtweg nicht leistbar“, so Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich. Die Diakonie fordert u. a. eine Ausbildung von Diplom-Pflegepersonal, die nicht nur auf den Bedarf der Krankenhäuser ausgerichtet wird, sondern auch die mobile Pflege berücksichtigt sowie eine Zusatzqualifikation für Heimhelfer, die mit psychisch bzw. sozial auffälligen Klienten zu tun haben.

Neues Volkshilfe-Zentrum
Auch für die Volkshilfe Wien bleiben Pflege und Betreuung wichtige Themen, um älteren Menschen sowie Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die den Alltag nicht mehr alleine meistern können, zu unterstützen. „Aufgrund der längeren Lebenserwartung wird die Nachfrage für Dienstleistungen im Bereich der Pflege und Betreuung in den kommenden Jahren weiterhin ansteigen“, so Otto Knapp, Geschäftsführer der Volkshilfe Wien.
Am 9. April eröffnete die Volkshilfe Wien in der Wiener Favoritenstraße 83 ein neues Zentrum, in dem die Bereiche Pflege & Betreuung sowie Wohnen mit Service und Betreutes Wohnen/FLATworks konzentriert vereint sind.
„Die Zusammenlegung von Pflege & Betreuung mit unseren Sozialen Diensten ist auch gleichzeitig ein Symbol für das Wachsen unserer
Organisation“, betonte Otto Knapp. „Ein lang gehegter Wunsch, diese wichtigen Angebote unter einem Dach zu vereinen, hat sich nun erfüllt.“

Die Novelle der Gewerbeordnung
Die Novelle der Gewerbeordnung sieht eine Trennung der Tätigkeiten von Vermittlern und Betreuern in der 24-Stunden-Pflege sowie ein zentrales Register vor. Dadurch wird der Kunde künftig sehen, ob der Anbieter die Betreuung persönlich übernimmt oder ein reiner Vermittler ist. Nach Inkrafttreten sollen die Ausübungs- und Standesregeln für 24-Stunden-Betreuungs-Agenturen neu formuliert werden. Dazu laufen Gespräche zwischen dem Sozialministerium, der Wirtschaftskammer Österreich und dem Wirtschaftsministerium.

Hilfswerk Pflegekompass
Für einen raschen ersten Überblick hat das Hilfswerk jetzt einen Pflegekompass erstellt, der kompakte Infos und Tipps zu den unterschiedlichsten Fragen rund um die Pflege gibt. Erläutert werden die verschiedenen Pflegeformen, die Unterschiede zwischen Vertretungsbefugnis, Vorsorgevollmacht und Sachwalterschaft, was Patienten und ihre Angehörigen bei der Spitalsentlassung beachten müssen oder wie man sich als pflegender Angehöriger absichern kann. Weiters werden Stellen angeführt, die bei der Antragstellung auf Pflegegeld helfen oder generell Beratung rund um die Pflege anbieten. Weiters gibt es Tipps, die Betroffenen und ihren Familien in der neuen Situation helfen sollen, darunter etwa eine Checkliste für die altersgerechte Adaptierung der Wohnung, Infos zum Thema Reisen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen usw.
Die 38-seitige Broschüre kann unter der Servicetelefon-Nummer 0800 800 820 bestellt werden und steht auch als Download-Version unter pflegekompass.hilfswerk.at zur Verfügung.

@FOTO: ROTES KREUZ WIEN/BILDERBOX

 

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