Architektur

Innovative Lebensräume im Alter

Das Land Niederösterreich hat im Zuge eines ambitionierten Innovationsprozesses ein vollkommen neuartiges Wohn- und Architekturmodell für ein Pflegeheim der Zukunft entwickelt.

Wollen Sie später einmal von den eigenen Kindern gepflegt werden? Oder wären Sie bereit, in einem Pflegeheim zu leben? Und wie müsste so ein Heim aussehen, um Ihren Bedürfnissen und Wünschen zu entsprechen? Die NÖ Landespflegeheime haben im Zuge eines rund zweijährigen, sehr ambitionierten Innovationsprozesses – nach Analyse internationaler Fallbeispiele und auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse – ein neuartiges Wohn- und Architekturmodell für eine Pflege- und Betreuungseinrichtung des 21. Jhdts. entwickelt.

Neuer Spirit – Leben entfalten
Befragt zu den primären Zielen, nennt der zuständige Gruppen- und Abteilungsleiter Hofrat Dr. Otto Huber vom Amt der NÖ Landesregierung drei Punkte: „Wir wollen unsere Themenführerschaft im Bereich Pflege und Betreuung als öffentlicher Träger weiter ausbauen. Wir wollen im Sinne unseres Leitbild-Grundsatzes ‚Leben ist entfalten – ein Leben lang‘ Menschen auch bis ins hohe Alter ein möglichst selbstbestimmtes und selbstgestaltetes Leben ermöglichen. Und wir wollen ‚von der Versorgung in der Institution hin zum Leben in Gemeinschaft und Privatheit‘. Dieser Ansatz bedingt beispielsweise kleinere, überschaubare Wohngruppen.“ Der „neue Spirit“, so Huber, zeige sich darin, „dass Menschen auch im hohen Alter in einem bio-psycho-sozialen Zusammenhang ohne Defizite gesehen werden, der ‚Lebensentfaltung‘ ermöglicht“.
Die institutionelle Pflege hat sich im Laufe der Zeit bereits sehr stark gewandelt. Die Übergänge zwischen den in der Fachliteratur beschriebenen „Pflegeheim-Generationen“ waren fließend.

1. Generation: Anstaltstyp (bis Anfang 20. Jhdt.). Vielbettzimmer oder Schlafsäle, minimale Ausstattung, keine Privatsphäre etc.

2. Generation: Altenkrankenhaus (Mitte 20. Jhdt.). Mehrbettzimmer mit Waschtisch, verbesserte und funktionelle Ausstattung, noch wenig wohnlich.

3. Generation: Altenwohn- und Pflegeheim (ab 1970/1980er-Jahre). Kleinere Wohneinheiten, allmählich mehr Einzelzimmer und mehr Privatsphäre.

4. Generation: „Wohn- und Hausgemeinschaft“ (ab 2000). Loslösung von zentralen Versorgungseinheiten, stattdessen Wohnen, Leben und Kochen in familienähnlichen Gruppen.

5. Generation: „Quartiershäuser“ (2012). Aufbauend auf den drei Prinzipien – Leben in Privatheit, in Gemeinschaft und in der Öffentlichkeit – wurde u. a. vom Kuratorium Deutsche Altenhilfe die fünfte Generation entwickelt, mit Fokus auf Förderung von Selbstbestimmung und Privatsphäre.

„4-Sphären-Modell“ in NÖ
In welche Richtung denkt und plant man nun als Land NÖ? Das „blau-gelbe“ Modell setzt die genannten Prinzipien – Leben in Privatheit, Leben in Gemeinschaft und Leben in der Öffentlichkeit – konsequent um und erweitert um das Prinzip „Leben in der Halböffentlichkeit“. Diese neue Perspektive „Point of Interest“ eröffnet den betreuten Menschen eine aktive Teilhabe an sozialen Aktivitäten im unmittelbaren Umfeld der Wohngruppe. Neu ist außerdem ein spezielles Wohngruppen-Modell für Demenzbetreuung. Die Besonderheiten sind:
• Zielgruppenorientierte Wohntypologien (z. B. eigene Demenzwohngruppe)
• Bewohnerzentrierter Ansatz. Ziel ist eine möglichst selbstbestimmte und autonome Lebensgestaltung, sprich Alltagsorientierung. Prozesse laufen „im Hintergrund“ ab.
• Die „Wohngruppe“ wird zur zentralen räumlichen wie organisatorischen Einheit in jeder Einrichtung. Hier wohnen und leben die BewohnerInnen, hier finden Pflege und Betreuung, Service, sozialer Austausch, gemeinsame Aktivitäten statt.
• Das Leben in der „eigenen“, vertrauten Wohngruppe erweitert sich durch außenliegende Lebensräume wie „Point of Interest“, die Raumzone „Health & Care“, Cafeteria, Friseur etc. und den Garten.
• Innerhalb eines geschützten Areals sind somit vielfältigste Raumangebote und Kommunikationsorte zu finden.
• Mit dem neuartigen „Pflege- & Betreuungsoffice“ soll die Kunden- und Serviceorientierung der Häuser insgesamt unterstrichen werden.

Federführend entwickelt wurde das neue Architektur- Modell von Mag. Andreas Wörndl, Architekt und Bereichsleiter in der Abteilung Landeshochbau beim Amt der NÖ Landesregierung: „Bei der Wohnraumgestaltung für ältere, pflege- und betreuungsbedürftige und demenziell erkrankte Menschen ist besonders darauf zu achten, die individuellen Bedürfnisse und Lebensumstände zu berücksichtigen und die eingeschränkte Mobilität und fortschreitende Veränderung der Sinne durch entsprechende Gestaltung emotional und ebenso auch atmosphärisch zu unterstützen.“

Ein „Rundgang“
… Das „4-Sphären-Modell“ im Detail: Das „private“ Bewohner-Zimmer (Sphäre 1) bildet die Möglichkeit des individuellen, ganz persönlichen Rückzuges, die Intimsphäre. Künftig wird es nur mehr Einbettzimmer und einige wenige Zweibettzimmer geben. Der gemeinsame Wohn-, Ess- und Aufenthaltsbereich (Sphäre 2) mit Teeküche und eigenem Garten mit Terrasse oder Loggia lädt zu sozialem und aktivem Alltagsleben ein. Zimmer und Wohnbereich bilden gemeinsam die „Wohngruppe“ für bis zu maximal 14 Personen.

Die Wohngruppe
Die Wohngruppe wird zur zentralen räumlichen wie organisatorischen Einheit in jeder Einrichtung. Das Land NÖ hat darüber hinaus auch eigene Wohngruppen-Typologien entwickelt. So soll die Wohngruppe für Demenzkranke z. B. im Erdgeschoss angesiedelt sein, um im angrenzenden Demenzgarten gesicherte Rundgänge (Stichwort: erhöhter Bewegungsdrang demenzkranker Menschen) zu ermöglichen. Diese Gruppe kann wiederum in kleinere Betreuungseinheiten untergliedert werden. Oder: Die Wohngruppe für Schwerst- und Hospizpflege (max. 10 Personen) sieht etwa einen eigenen Raum für Angehörige vor. Die Wohngruppe für psychosoziale Betreuung hat zusätzlich einen Therapieraum.

Der Point of Interest
Absolut neu ist die „halböffentliche Raumzone“, der „Point of Interest“ (Sphäre 3). Dazu Architekt Wörndl: „Diese Raumgruppe fungiert als ‚Gelenk‘ zwischen jeweils zwei Wohngruppen. Hier erfolgt die Anbindung an die zentrale Infrastruktur. Hier werden Räume angesiedelt, die sich anhand der standortbezogenen Eigenheiten in ihrer Funktion entwickeln dürfen, z. B. für öffentliche und gemeinsame Aktivitäten wie Musik, Vereine, Markt, Literatur, Kino, Generationentreffen etc. und diese näher zu den BewohnerInnen zu bringen und nicht umgekehrt.“ Im „öffentlichen“ Bereich (Sphäre 4) finden sich schließlich der rezeptionsartig gestaltete Eingangsbereich (bei der Direktion), öffentliches Kaffeehaus, Restaurant, Friseur etc., die neue Raumzone „Health & Care“ (Ärztliche Versorgung, Therapieräume und Wellnessbereich für BewohnerInnen) und das ebenfalls neuartige „Pflege- & Betreuungsoffice“, das die bisher mehreren Pflege-Stützpunkte ablöst. Mit Rezeption und Pflegeoffice soll die Serviceorientierung der Häuser verstärkt und eine „Welcome“-Kultur unterstrichen werden.

Pflege- & Betreuungsoffice
Das Pflege & Betreuungsoffice soll künftig die zentrale Drehscheibe für die gesamte Pflegekompetenz und -logistik einer Einrichtung werden. Als erste Anlaufstelle für fachliche Beratung und Information, auch für Angehörige, BesucherInnen und interessierte Dritte soll es leicht erreichbar sein. Alle pflegerelevanten Nebenräume sind im direkten Umfeld angeordnet, ebenso die Sozial- und Ruheräume für die MitarbeiterInnen. Und wie sieht die weitere Umsetzung aus? Für alle kommenden Neubauten gelten ab sofort die neuen Planungsgrundlagen, die auch in einem „Raum- und Funktionsprogramm“ für Heimbauten des Landes NÖ entsprechend festgeschrieben sind.

@ FOTO: LK Wiener Neustadt

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