Pflegeroboter

Mein Freund, der Roboter

Schon lange nehmen kluge Maschinen den Menschen in den reichen Ländern schwere Arbeiten ab. Jetzt sollen Roboter endlich auch in der Heimpflege als hilfreiche Assistenten eingesetzt werden und viele Abläufe im Alltag erleichtern.

Der amerikanische Kinofilm „Robot & Frank“ (2012) spielt „in einer nahen Zukunft“ und schildert die schräge Beziehung des demenzkranken, ehemaligen Juwelendiebs Frank zu seinem Pflegeroboter VGC-60L, den der alte Mann von seinem viel beschäftigten Sohn als Heimhilfe geschenkt bekommen hat. Frank ist davon zunächst wenig begeistert, empfindet den Roboter als störenden Fremdkörper im Haus. Doch als er bemerkt, dass der Roboter darauf programmiert ist, seine Lust am Leben zu steigern, beginnt sich Frank für VGC-60L zu interessieren und macht der Maschine klar, was seine Lebenslust steigern kann. Statt der von Robot vorgeschlagenen Gartenarbeit zur körperlichen Ertüchtigung entwickelt Frank klare Strategien für gewinnbringende Projekte jenseits der Legalität. Schließlich assistiert der Pflegeroboter bei der Vorbereitung eines Raubzugs, der zwar erfolgreich ist, aber die Polizisten auf den Plan ruft.

Der Beweis für das Verbrechen befindet sich logischerweise im Speicher des Roboters. Die einzige Möglichkeit – die Robot rational empfiehlt – ist das Abschalten des Roboters und das Löschen des Speichers. Doch das lehnt Frank entschieden ab, schließlich ist „er mein Freund“ – und einen Freund kann man nicht so einfach abschalten. Dadurch kommt es zu einer rasanten Verfolgungsjagd, und am Ende muss Frank in ein ganz gewöhnliches Pflegeheim übersiedeln. Dort sind Menschen als Pfleger längst durch Roboter abgelöst worden.
Szenen wie diese könnten tatsächlich bald Realität werden, denn auch abseits der Kinoleinwände tummeln sich zahlreiche Roboter, die verschiedenste Aufgaben zu erledigen haben – allerdings erst im Projektstadium.

Die Zukunft hat begonnen

„Unsere Gesellschaft wird älter“, sagt Christoph Gisinger, der Institutsleiter im Wiener Haus der Barmherzigkeit. „Diese Entwicklung ist positiv, aber viele Menschen werden in den nächsten Jahren Unterstützung brauchen. Wir glauben, dass assistive Technologien zu einem längeren selbstbestimmten Leben in den eigenen vier Wänden beitragen können.“
Die Technische Universität Wien, das Haus der Barmherzigkeit und vier weitere Partner haben im Rahmen des EU-Projekts „Hobbit“ im vergangenen Jahr den ersten Prototypen eines Pflegeroboters fertiggestellt. Langfristiges Ziel ist die Entwicklung eines leistbaren mobilen Heimassistenten für Senioren.
„Was echte Pflegeleistungen betrifft, ist der Mensch aber unersetzlich. Richtige Pflege erfordert nicht nur Wissen und Fähigkeiten, sondern vor allem auch Einfühlungsvermögen und Verständnis. Und diese beiden Fähigkeiten haben nur Menschen“, betont Gisinger.
Schon bald soll der Hilfsroboter ältere Menschen in den eigenen vier Wänden bei einfachen Handgriffen auf Befehl unterstützen. Gefahren sollen beseitigt werden, und im Notfall holt der mobile Heimassistent sogar Hilfe.
Das Gerät ist mit einem Touchscreen ausgestattet, kommuniziert über Sprache und kann auch menschliche Gesten erkennen. Der Preis für einen „Hobbit“ soll bei unter 5.000 Euro liegen.
Hauptaufgabe von „Hobbit“ wird es sein, die Gefahr von Stürzen möglichst gering zu halten.

Gefährliche Stürze

„Es ist kein Geheimnis, dass Stürze die häufigste Ursache für den Eintritt in ein Pflegeheim sind“, stellt Gisinger fest. „Hobbit“ kann hier auf zwei Ebenen Sicherheit schaffen: „Dank Greifarm und Kamera kann er den Boden präventiv nach herumliegenden Objekten absuchen und diese einsammeln. Das vermindert das Sturzrisiko. Kommt es dennoch zu einem Unfall, wird dieser erkannt und Hilfe angefordert.“
Der fertige „Hobbit“ soll aber noch mehr können. „Neben dem Lernen, Erkennen, Finden und Bewegen von Gegenständen wird er die Wohnung erkunden und fixe Hindernisse wie Wände oder das Mobiliar selbstständig erkennen.

Per Sprachausgabe kann das Gerät an Arzttermine oder die Einnahme von Medikamenten erinnern. Außerdem soll „Hobbit“ seinen Besitzer dank Gesichtserkennung von Besuchern und statischen Objekten unterscheiden können“, erklärt Projektkoordinator Markus Vincze. „Auch im Hinblick auf Entertainment-Funktionen bieten sich viele Möglichkeiten, die wir aber noch durchdenken müssen.“

Made in Japan

Keine andere Industrienation altert so schnell wie Japan. Als Folge wird ein erheblicher Mangel an Pflegekräften erwartet. In Japan werden im Jahr 2020 voraussichtlich 400.000 Fachkräfte in diesem Bereich fehlen. Um diese Lücke zu schließen, setzen die technikbegeisterten Japaner verstärkt auf Roboter.
Der weltgrößte Automobilkonzern Toyota Motor hat einen „Care Assist Robot“ entwickelt, der helfen soll, Patienten in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen aus dem Bett zu heben und zur Toilette zu bringen. Der Elektronikriese Panasonic hat ein Bett konstruiert, bei dem sich ein Teil davon in eine Art Rollstuhl verwandeln kann.
Im Zentrum für Roboterentwicklung des japanischen Elektronikkonzern Panasonic ist das Modell „Hospi“ bereits 2012 als Prototyp vorgestellt worden – ein Pflegeroboter, der in Spitälern oder in Arztpraxen eingesetzt werden soll. Im Modellversuch verteilt der Roboter in Kliniken bereits Medikamente.

„Asien und die USA dominieren den Markt für Robotik in Haushalt und Pflege“, sagt die Roboter-Expertin Sibylle Meyer vom Berliner Sibis Institut für Sozialforschung und Projektberatung. Europa müsse hier noch aufholen.
In Japan arbeitet Panasonic außerdem an einer Reihe von Roboteranzügen wie z. B. dem mit Batterien betriebenen Modell „Ninja“, das es dem Träger ermöglichen sollen, schwere Gegenstände (oder auch Menschen) zu transportieren.
„Spezielle Sensoren messen dabei, wie viel Kraftwand genau vonnöten ist“, erklärt die Panasonic-Sprecherin Yayoi Watanabe. Einen ähnlichen, mit Kompressoren betriebenen, Anzug zum Tragen schwerer Lasten will der kleinere Konkurrent Kikuchi noch heuer in Japan auf den Markt bringen.
Nicht nur im Pflege- und Medizinsektor, auch in Land- und Forstwirtschaft sollen die Geh- und Tragehilfen zum Einsatz kommen.
Auch über Japans Landesgrenzen hinweg bekannt ist der im Bereich Rehabilitation eingesetzte „Robot Suit HAL“ des Unternehmens Cyberdyne. Der spezielle Anzug hilft Patienten nach einem Schlaganfall dabei, wieder laufen zu lernen.

„Industrieroboter tragen dazu bei, dass weniger Arbeitskräfte eingesetzt werden müssen und die Produktivität erhöht wird“, erläutert Shiro Sekiguchi, führender Mitarbeiter einer Organisation zur Förderung der Verbreitung von Pflegerobotern in der Stadt Yokohama. „In der Pflegebranche spielen jedoch die Menschen die Hauptrolle, und die Roboter unterstützen die Menschen, sie leben miteinander. Es wird nicht dazu kommen, dass Roboter die Pflege von Menschen übernehmen.“

Viele ungeklärte Fragen

„Der Markt für klinische Hightech-Produkte ist immer noch überschaubar, was zwangsläufig zu hohen Preisen führt. Es wäre an der Zeit, die technische und administrative Standardisierung voranzutreiben“, sagt Alexander Kollreider, CEO von Tyromotion, einem auf Rehabilitationssysteme spezialisierten Jungunternehmen mit Sitz in Graz.
Laut Jan Muehlfeit, Chairman von Microsoft Europe, wüssten die Politiker eigentlich ganz genau, was zu tun sei. Aus wahltaktischen Gründen würden entsprechende Langzeitkonzepte und politische Grundsatzentscheidungen jedoch auf die lange Bank geschoben.
„Dabei stellt die demografische Situation besonders in Europa eine tickende Zeitbombe dar. Bereits jetzt werden weltweit rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Behandlung chronischer Krankheiten ausgegeben. Aufgrund des Alterungsprozesses könnte sich der Anteil in den nächsten Jahrzehnten auf 20 % erhöhen“, gibt Muehlfeit zu bedenken. Dabei seien 80 % aller chronischen Leiden und 40 % der Krebskrankheiten mit innovativen Systemen frühzeitig erkennbar. Gesundheits- und Sozialsysteme hingegen könnten in ihrer jetzigen Beschaffenheit nur bei unrealistischen Steuerquoten von 70 % und mehr aufrecht erhalten werden.
Innovation im Gesundheits- und Pflegewesen ist auch für Irina Odnoletkova, Managerin beim Independent Health Insurance Funds Belgium, ein zentrales Thema: „Aufgrund der Unterschiedlichkeit von Europas Finanz-, Gesundheits- und Sozialsystemen wird die Entwicklung von tragfähigen Geschäftsmodellen nicht einfacher. Ich teile den Pessimismus, was die Rolle des Staates als Prozessbegleiter betrifft, aber trotzdem nicht“, so die Expertin.

Die Politik bremst

Tatsächlich drängen sowohl klein- und mittelbetriebliche Unternehmen wie Tyromotion als auch international agierende Großunternehmen wie Bosch auf den Markt für AAL-Technologien und -services. Der deutsche Konzern machte etwa mit der Akquisition der US-Unternehmen Health Buddy und Vitalnet auf sich aufmerksam. Bosch zielt darauf ab, mit seinem Know-how zur Forcierung von Heimpflege anstelle von teurer, spitalszentrierter Betreuung beizutragen. Ganz gleich ob KMU oder multinationaler Konzern, jedes Unternehmen sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass Akzeptanz und Anwendung seiner Produkte und Services nur auf der Grundlage funktionierender Geschäftsmodelle möglich sind. Der Mangel an Regierungsprogrammen, Vergütungsschemata, Zertifizierungs- und Standardisierungsmethoden erschwert die Entwicklung geeigneter Geschäftsstrategien. Das bremst die Verbreitung kostensparender Technologien.

Ein teures Unterfangen

Ökonomische Robotik ist ein Milliardengeschäft und einer der großen Hoffnungsträger – für den Maschinenbau ebenso wie für die Forschung. Verführerisch scheint dabei der Gedanke, angesichts bekannter personeller Probleme im Pflegebereich den menschlichen Pfleger durch einen seelenlosen und billigeren Roboter zu ersetzen. Mit dem propagierten Zusatznutzen für eine älter werdende Gesellschaft lassen sich sehr leicht Forschungsgelder generieren.
Das weltweit renommierte Fraunhofer Institut bewirbt bereits seine Eigenentwicklung „Care-O-bot 3“ auf seiner Homepage als „mobilen Roboterassistenten zur aktiven Unterstützung des Menschen im täglichen Leben“.
„Die Entwicklung von Pflegerobotern läuft derzeit auf Hochtouren“, sagt Rainer Hohmann, Co-Geschäftsführer der Alloheim Senioren-Residenzen GmbH in Düsseldorf, die in Deutschland 50 Alten- und Pflegeheime betreibt. „Bis zur Marktreife wird es laut Experten noch etwas dauern, an der grundsätzlichen Machbarkeit zweifelt aber niemand mehr.“
Ausgestattet mit filigraner Mechanik, sensiblen Sensoren, Computer-Hightech und vifen Programmen sind Pflegeroboter schon bald in der Lage, autonom zu navigieren, Dinge zu greifen und die Umgebung wahrzunehmen. Und die Entwicklung legt an Tempo zu.
Den Beteuerungen, Pflegeroboter würden den Mitarbeitern lediglich assistieren, traut Hohmann nicht. „Das stimmt sicherlich in der Einführungsphase bei einfachen Tätigkeiten, bei der Ausgabe von Essen oder dem Transport von Geräten und Akten. Aber mit zunehmenden Fähigkeiten des Roboters wächst vermutlich der Wunsch nach mehr. Dann sind es vom Flur bis ans Bett des Pflegebedürftigen, vom Servieren des Getränks bis zum Umbetten eines Patienten, nur noch wenige Schritte.“

Keine reine Zukunftsmusik

Internationale Experten glauben derzeit nicht, dass trotz der verstärkten Forschung und Entwicklung Roboter als Massenprodukt schon in naher Zukunft im Pflegealltag in Erscheinung treten werden.
Die Technik ist trotz aller Fortschritte unter dem Strich noch nicht genügend ausgereift und getestet, um sie unbesorgt auf die hilfsbedürftige Menschheit loslassen zu können. Zudem sind auch noch viele rechtliche Fragen rund um die Hightec-Pflegekräfte ungeklärt. Eine weitere, und vielleicht auch die derzeit größte, Hürde für die Markteinführung ist, dass die Roboter noch viel zu teuer sind. Allein ein einziger leistungsfähiger Roboterarm kostet in etwa 100.000 Euro, die daran montierte künstliche Hand schlägt mit etwa ebenso viel zu Buche.
„Da nur Kleinserien oder einzelne Prototypen produziert werden, ist es bisher sehr schwer, so billig zu produzieren, dass es sich die Endanwender auch leisten können“, so Uwe Haass, Geschäftsführer des auf Robotik ausgerichteten Forschungsverbunds Cotesys an der Technischen Universität München.
Bedenkt man allerdings, wie schnell der PC oder das Mobil-Telefon vom exklusiven technischen Spielzeug einiger weniger zum Massenprodukt für alle geworden ist, kann man davon ausgehen, dass die Roboter doch früher als erwartet kommen.

@FOTO: Haus der Barmherzigkeit/APA-Fotoservice/Pauty

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