Brustkrebs

Panik ist nicht angesagt

Wer die Diagnose Mammakarzinom erhält, will begreiflicherweise alles tun, um wieder gesund zu werden. Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant rät allerdings zu größtmöglicher Gelassenheit – und dem Einholen einer zweiten Meinung.

Eine Brustkrebsoperation ist nie akut“, hält Michael Gnant, Präsident der Austrian Breast and Colon Cancer Study Group (ABCSG: www.abcsg.at) fest. „Bis endgültige Entscheidungen über die richtige Therapie getroffen werden müssen, hat die Patientin jedenfalls die eine oder andere Woche Zeit.“ Der Chirurg, der an der Wiener Medizinischen Universität tätig ist, hält den „richtigen Plan“ für den besseren Weg als den „schnellen Plan“, wenn die Diagnose Brustkrebs gestellt worden ist. „Jede Patientin sollte auch unbedingt eine zweite Meinung einholen, sich erkundigen, wo sie sich am besten behandeln lassen soll, und sich genügend Zeit nehmen, um alle für sie wichtigen Fragen zu klären.“

Kein Todesurteil

Brustkrebs ist – zumindest in Österreich – heute in 80 Prozent der Fälle kein Todesurteil mehr. Die Früherkennung hat dazu nicht wenig beigetragen: „Je früher ein Tumor erkannt wird, desto eher können wir rechtzeitig eingreifen und eine Heilung bewirken“. Die Früherkennung stellt den ersten Schritt auf dem Weg zu einer State-of-the-Art-Behandlung dar. ExpertInnen raten heute zu einer Basismammografie ab dem 40. Lebensjahr. Ab dem 45. Geburtstag sollte jährlich eine Durchleuchtung der Brust durchgeführt werden.
Wenn bei der Mammografie eine verdächtige Struktur gefunden wird, wird meist mit einer Feinnadelbiopsie, unter örtlicher Betäubung, eine Gewebeprobe genommen und histologisch untersucht. Ist der Befund positiv, liegt also ein bösartiger Tumor vor, gilt es, die nächsten Behandlungsschritte zu planen.

Tumor entfernen

„Wenn der Tumor sehr früh gefunden wurde, steht am Anfang der Behandlung üblicherweise die operative Entfernung des veränderten Gewebes“, erläutert Gnant. Auch der dem Tumor nächstgelegene Lymph-knoten wird bei der Tumorentfernung entnommen und unter dem Mikroskop untersucht: Dieser Lymphknoten wird als Sentinel (Wächter) bezeichnet. Finden sich in ihm keine Tumorzellen, müssen auch keine weiteren Lymphknoten entfernt werden, was die Folgen des chirurgischen Eingriffs minimiert. Je nach Tumorart wird die Patientin danach meist weiteren – vorbeugenden – Bestrahlungen und medikamentösen Therapien unterzogen.
Ist der Tumor bei Diagnosestellung zu groß für eine brust­erhaltende Operation, wird zuerst eine medikamentöse Behandlung, die neoadjuvante Therapie durchgeführt. Diese kann mit Hilfe von Chemotherapie, Antikörperbehandlung und/oder Immuntherapie erfolgen. Auch dies hängt von der Art des Tumors ab. Wenn sich der Tumor verkleinert hat, wird operiert – und die Brust dabei heutzutage in 90 Prozent erhalten. „Verstümmelnde Brustamputationen müssen in Österreich zum Glück meist nicht mehr durchgeführt werden“, so Gnant.

Schlüssel-Schloss-Prinzip

„Am häufigsten erkranken Frauen an einem hormorezep­torpositiven Mammakarzinom“, berichtet ABCSG-Präsident Gnant. Auf der Tumoroberfläche befinden sich – wie Schlüssellöcher – sogenannte Rezeptoren, an denen bestimmte körpereigene Substanzen, wie etwa Hormone (wie Schlüssel), andocken können. Bei einem hormonrezeptorpositiven Karzinom besetzen – nach der Tumorentfernung – bestimmte Medikamente, wie etwa antihormonelle Therapien, möglicherweise übrig gebliebene Tumorzellen und unterbrechen somit das Tumorwachstum. „Diese Zellen können mikroskopisch klein sein“, sagt Gnant: „Deshalb macht es in vielen Fällen Sinn, nach der Operation eine Bestrahlung durchzuführen, um noch vorhandene Mikrometastasen abzutöten und/oder über einen bestimmten Zeitraum Medikamente zu verabreichen, um ein neues Wachstum zu verhindern.“

Operation im zertifizierten Zentrum

In Österreich wird das Mammakarzinom mittlerweile in über 60 Prozent in zertifizierten Brustkrebszentren behandelt. Achtzehn Zentren stehen derzeit zur Behandlung des Mammakarzinoms zur Verfügung – und die Zertifzierung aller Zentren ist auf dem Weg. Wichtigstes Prinzip in einem Brustzentrum ist die Multidisziplinarität. „Brustkrebstherapie erfolgt heute im besten Fall innerhalb eines multidisziplinären Teams“, weiß Gnant. Zu einem solchen Team, das sich in jedem zertifizierten Brustzentrum findet, gehören InternistInnen, ChirurgInnen, PathologInnen (die entnommenes Gewebe untersuchen), GynäkologInnen, StrahlentherapeutInnen, RadiologInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, ErnährungsberaterInnen und SeelsorgerInnen.
Ist die primäre Behandlung abgeschlossen, folgt der letzte Teil einer State-of-the-Art-Brustkrebsbehandlung – die Nachsorge. „Je nach Tumorart wird dabei ein risikoadaptiertes Schema zum Einsatz kommen, um ein Wiederauftreten der Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen“, erläutert Brustkrebsspezialist Michael Gnant: „Dieses besteht aus Besprechungen, Untersuchungen und/oder apparativer Diagnostik.“ Abschließend rät der Spezialist zu Ruhe: „Wenn Sie die Diagnose Brustkrebs erhalten, holen Sie bitte eine zweite Meinung ein – und begeben Sie sich zur Behandlung in ein zertifiziertes Brustzentrum.“

@FOTO: FOTOLIA.DE

Vorgehen bei der Diagnose eines Tumors:

  1. Tastuntersuchung durch die Ärztin/den Arzt
  2. Mammografie
  3. Ultraschalluntersuchung
  4. Gewebeentnahme aus dem Knoten (Biopsie) zur genaueren histologischen Untersuchung des Gewebes

Unser Interviewpartner:

Univ.-Prof. Dr. Michael Gnant,
Leiter des Brustgesundheitszentrums am Wiener AKH und Chef der österreichweit größten Studiengruppe zu dieser Krebsform

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