Darmkrebs

Überlebensrate von drei auf 30 Prozent gestiegen

Aufgrund neuer Therapiemöglichkeiten haben Darmkrebserkrankungen ein wenig von ihrem Schrecken verloren. Das Dickdarmkarzinom und das Rektumkarzinom haben heute etwa gleich gute Prognosen.

Die Säulen einer State-of-the-Art-Behandlung unterschiedlicher Darmkrebsformen im fortgeschrittenen Stadium heißen Tumorentfernung inklusive der Lymphknoten, Strahlentherapie und medikamentöse antitumorale Therapie vor und/oder nach der Operation “, fasst Prim. Univ.-Prof. Dr. Dietmar Öfner, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie in Salzburg, zusammen. Um es aber erst gar nicht so weit kommen zu lassen, muss der Vorsorge und Früherkennung von Darmkrebs breiter Raum gegeben werden. Dabei gilt: Nach dem 50. Geburtstag sollte die Vorsorgekoloskopie (Darmspiegelung) auf dem Programm stehen. Der Befund entscheidet wann die nächste Koloskopie erfolgen soll. „Die
Vorsorgekoloskopie wird, wenn sie State of the Art durchgeführt wird unter einer leichten Narkose durchgeführt – dies wird auch als sanfte Koloskopie bezeichnet, sodass der Patient von der Untersuchung nichts merkt und keine Schmerzen hat“, weiß Öfner.

Vorsorge verhindert Krebs

Darmkrebs gehört zu den wenigen Krebserkrankungen, die tatsächlich zu über 90 Prozent verhindert werden können. Denn wenn bei einer Darmspiegelung Krebsvorstufen, sogenannte Polypen, gefunden werden, können die sofort entfernt werden. Das Krebsrisiko ist damit gebannt. Die Mehrzahl der Dick- und Mastdarmkarzinome entstehen während eines Zeitraumes von circa zehn Jahren aus Polypen.
Wenn familiäre Risikofaktoren vorliegen, etwa wenn ein Elternteil an Darmkrebs erkrankt ist, muss allerdings schon mit 40 mit der Vorsorgekoloskopie begonnen werden. „Und wenn in einer Familie Erkrankungen wie die familiäre Polypose bekannt sind, kann es sein, dass bereits im jugendlichen Alter eine radikale Operation durchgeführt werden muss“, erläutert Öfner das breite Spektrum.
Prinzipiell wird das Dickdarm- (Kolon-) vom Mastdarmkarzinom (Rektumkarzinom) unterschieden. Wenn die Erkrankungen früh genug erkannt werden, kommt eine örtliche Entfernung des Tumors ohne umgebenden Lymphknoten in Frage, wenn gewisse Kriterien erfüllt sind. „Diese Eingriffe werden in spezialisierten Kliniken endoskopisch durchgeführt“, sagt Öfner. „Das ist schonender für den Patienten und schmerzlos.“ Öfner setzt sich dafür ein, Darmkrebsoperationen in spezialisierten Zentren durchführen zu lassen: „Der Chirurg bzw. die Chirurgin ist nämlich ein wesentlicher prognostischer Faktor für die betroffenen PatientInnen.“ Je mehr Eingriffe von erfahrenen ChirurgInnen durchgeführt wurden, desto besser sind die Aussichten für die PatientInnen.

 Therapie im Zentrum

„Wir bieten bei großflächigen Tumoren, die in einem sehr frühen Stadium entdeckt werde, zudem die Möglichkeit der endoskopischen Submukosadissektion – ESD – an“, so Öfner: „In Österreich kann dies nur in sehr wenigen Zentren durchgeführt werden.“ Dieses Verfahren ermöglicht – im Gegensatz zu anderen Techniken – die Entfernung des Tumors in einem Stück, was die feingewebliche Untersuchung nicht nur erheblich erleichtert sondern auch verbessert und dem Patienten eine belastende – weil offene Bauchoperation – erspart. Das Verfahren wird bereits seit einigen Jahren erfolgreich im asiatischen Raum, insbesondere in Japan, angewendet und ist erst seit kurzer Zeit und ausschließlich an spezialisierten Zentren in Österreich möglich.
Bei fortgeschrittenen Tumoren ist die Behandlung – je nachdem ob Dickdarm- oder Mastdarmkarzinom – unterschiedlich. Um den Krankheitsfortschritt zu prüfen, steht eine Reihe von bildgebenden Verfahren zur Verfügung, die letztlich mit dazu beitragen, welche Therapieentscheidung getroffen wird. „Dazu gehört neben dem Routine-CT des Brustkorbes und des Bauchraumes die Magnetresonanztomografie ebenso wie endoskopische Ultraschalluntersuchungen“, berichtet der Darmkrebsspezialist Dietmar Öfner. Wenn der Tumor bereits weiter fortgeschritten ist, wird beim Dickdarmkarzinom die radikale Entfernung des Tumors durchgeführt, indem der Tumor selbst unter Mitnahme seines Lymphabflussgebietes entfernt wird. Beim fortgeschrittenen Mastdarmkarzinom dagegen wird – auch um einen permanenten künstlichen Darmausgang zu vermeiden – vor der Operation eine neoadjuvante kombinierte Radiochemotherapie durchgeführt: „Der Patient erhält Chemotherapie und unterzieht sich gleichzeitig über etwas mehr als vier Wochen mehrmals einer Strahlentherapie, um den Tumor zu verkleinern“, erklärt Öfner.
Nach der Entfernung des Tumors und der umgebenden Lymphknoten im Mastdarm oder Dickdarm wird das entnommene Material im Labor feingeweblich untersucht. Dabei wird auch festgestellt, ob bereits Metastasen vorhanden sind. Lymphknotenmetastasen werden mit Hilfe einer Chemotherapie nach der Operation behandelt, die meist auf der Substanz 5-Fluorouracil (5-FU) aufgebaut ist. 5-FU hemmt vor allem eine spezielle Proteinbildung, die für die Teilung der Tumorzellen lebensnotwendig ist.

Neue Substanzen

Seit einigen Jahren werden erfolgreich auch neue Substanzen zur Behandlung der metastasierten Darmkrebserkrankung eingesetzt. Dazu gehören hauptsächlich zwei Gruppen von Medikamenten: Dies sind einerseits Antikörper und anderseits sogenannte „small molecules“. Ein Tumor benötigt ab einer gewissen Größe Sauerstoff zum Wachsen und bildet daher Blutgefäße aus, um den Sauerstofftransport zu steigern. Der Vaskular Endothelial Growth Factor (vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor) ist verantwortlich für die Neubildung von Blutgefäßen. Werden diese Faktoren gehemmt, schrumpft der Tumor, er „verhungert“. Der zweite Antikörper, der routinemäßig eingesetzt wird, hemmen das unkontrollierte Wachstumssignal für die Tumorzelle. „Sie müssen sich das so vorstellen“, meint Öfner, „die Rezeptoren an der Tumoroberfläche der Tumorzellen sind wie Schlüssellöcher. Diese Wachstumsrezeptoren werden mit einem anderen Schlüssel blockiert, der im Gegensatz zum ursprünglichen keine Wirkung zeigt. Zusammen mit der zweiten Gruppe neuer Medikamente kann zunehmend gezielter als mit der konventionellen Chemotherapie eine Tumorzelle angegriffen werden, und wir können teilweise schon mit individuellen Untersuchungen vorhersehen, ob man von dem einen oder anderen neuen Medikament ein Ansprechen erwarten kann. Man spricht daher von einer personalisierten Tumortherapie.
Wenn Dickdarmkrebs metastasiert, so finden sich Absiedelungen meist in der Leber, aber auch in der Lunge. Diese Komplikation galt noch bis vor wenigen Jahren als Todesurteil. „Dies ist mit neuen chirurgischen Verfahren und den Möglichkeiten der medikamentösen Therapien heute nicht mehr der Fall“, freut sich Öfner: „Die operative Entfernung von Leber-, aber auch Lungenmetastasen ist heute Stand der Therapie des metastasierten kolorektalen Karzinoms.“ Zur technisch anspruchsvollen Operation an der Leber stehen noch zusätzliche Maßnahmen zu Verfügung, die es ermöglichen, alle Lebermetasten zu entfernen.

Überlebensrate verzehnfacht

Und dies zeigt sich auch an den Überlebenszahlen bei Darmkrebs, die sich in den vergangenen zehn Jahren stark ins Positive verbessert haben. Noch im Jahr 2002 lag die Langzeitüberlebensrate bei allen PatientInnen mit einem metastasierten Dickdarmkarzinom bei drei Prozent. 2012 ist diese Zahl auf 30 Prozent gestiegen, wenn gemeinsam mit einer antitumorösen medikamentösen Therapie auch noch eine operative Entfernung der Lebermetastasen erzielt werden konnte. Die Zahlen für das Mastdarmkarzinom sind mittlerweile ähnlich positiv, obwohl es lange Zeit eine deutlich schlechtere Prognose als das Dickdarmkarzinom aufwies.
„Für mich gehört die State-of-the-Art-Behandlung des kolorektalen Karzinoms in spezialisierten Zentren konzentriert“, zeigt sich Öfner abschließend überzeugt: „Nur dort ist durch die Infrastruktur und die Expertise nicht nur der ChirurgInnen, sondern auch der Vertreter verschiedenster Disziplinen wie der internistischen Onkologie, Strahlentherapie, Pathologie, Intensivmedizin, Psychoonkologie, Nuklearmedizin und Radiologie eine Behandlung nach dem letzten Stand der Wissenschaft möglich.“ Die fortgeschrittene Tumorerkrankung ist heute überwiegend eine interdisziplinäre Herausforderung.

@FOTO: PIXELIO.DE

Unser Interviewpartner:

Prim. Univ.-Prof. Dr. Dietmar Öfner,
Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie in Salzburg

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