Demenzerkrankungen

Früherkennung ist wichtig!

Wo habe ich nur den Schlüssel hingelegt? Wer war das noch gerade eben am Telefon? Und warum fühle ich mich seit einiger Zeit so ängstlich? Wenn Sie oder ein Angehöriger sich solche Fragen stellen, sollte der Hausarzt aufgesucht werden – möglicherweise liegt eine beginnende Demenzerkrankung vor.

Noch bis vor 15 Jahren galt eine Demenzerkrankung vom Alzheimertyp als Erkrankung, der therapeutisch nicht beizukommen ist. „Das ist heute glücklicherweise anders“, sagt Univ.-Doz. Dr. Josef Spatt, ärztlicher Leiter des Neurologischen Rehabilitationszentrums Rosenhügel in Wien und Spezialist für Demenzerkrankungen. Geheilt werden kann die Alzheimer-Demenz zwar immer noch nicht, wohl aber können die Symptome mit verschiedenen therapeutischen Methoden eine lange Zeit hinausgezögert werden. Das Wichtigste dabei ist die möglichst frühe Diagnose der Erkrankung. „Je weniger Symptome vorliegen, desto besser greifen Medikamente und andere Behandlungsformen“, weiß Spatt und wirbt für mehr Bewusstsein für die Erkrankung in der Bevölkerung: „Derzeit leiden etwa 130.000 ÖsterreicherInnen an einer Demenzerkrankung“, so Spatt: „2050 werden es – Schätzungen zufolge – bereits 235.000 sein.“

Sozialer Rückzug

Neben der beginnenden Vergesslichkeit gilt vor allem der soziale Rückzug als Symptom einer beginnenden Alzheimer-Demenz. Betroffene treffen keine FreundInnen mehr, sagen Familientreffen ab und gehen kaum noch vor die Tür. Wird dies von der betroffenen Person selbst oder von einem Angehörigen bemerkt, ist es sinnvoll, einen Arzt zur weiteren Abklärung aufzusuchen. „Wenn die Symptome insgesamt noch wenig aussagekräftig sind, sollte der Patient einen Neurologen oder Psychiater für eine genauere Diagnostik aufsuchen“, bekräftigt Spatt.
Alzheimer-Demenz kann nicht direkt, etwa aufgrund eines Markers im Blut, diagnostiziert werden. Es wird vielmehr mit Hilfe von Laboruntersuchungen und bildgebenden Verfahren (Computertomografie, Magnetresonanztomografie) versucht, andere mögliche Krankheitsbilder auszuschließen. Dazu gehören etwa Schlaganfälle, Tumoren oder bestimmte entzündliche Erkrankungen.
Liegt lediglich eine Gedächtnisstörung vor, sprechen ExpertInnen von einer milden kognitiven Beeinträchtigung, also einer leichten Veränderung der geistigen Funktionen. In einem solchen Fall wird noch nicht medikamentös eingegriffen, wohl aber der Patient – etwa halbjährlich – ärztlich untersucht, da das Risiko der Ausbildung einer Alzheimer-Demenz groß ist. „Das bedeutet aber nicht, dass der oder die Betroffene nichts tun kann“, weiß Spatt. „Wichtig ist, weiter das zu tun, was der Patient schon immer gern getan hat, etwa ein Buch lesen, die Nachrichten schauen und Karten spielen.“ Dies alles sind Tätigkeiten, die das Gehirn stimulieren und dazu beitragen, den mentalen Abbau zu verlangsamen. Eine zweite wichtige Säule ist die Bewegung: „Täglich ein Spaziergang kann viel helfen“, so Spatt. Für beide Interventionen liegen umfassende Studiendaten vor, die die Wirksamkeit von geistiger Betätigung und Bewegung klar belegen. Meist verläuft die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz langsam und über viele Jahre. „Ich betreue als niedergelassener Neurologe teilweise auch PatientInnen, die seit über zehn Jahren erkrankt sind und – mit Unterstützung – noch zu Hause leben können“, sagt Josef Spatt.

Medikamentöse Behandlung

Wenn sich die Symptome verschlimmern, mehr als nur Gedächtnisverlust und sozialer Rückzug auftreten, wird die Diagnose Alzheimer-Demenz gestellt. „Eine Diagnose erfolgt, wenn eine Gedächtnisstörung und eine weitere geistige Beeinträchtigung vorliegt, die das Leben der betroffenen Person im Alltag beeinträchtigen“, erklärt Neurologe Spatt. Ab diesem Zeitpunkt muss auch medikamentös therapiert werden. Bei Alzheimer-Demenz kommt es im Gehirn zu einem Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin, was die Symptome verschlimmert. Sogenannte Acetylcholinesterasehemmer bewirken eine Verlangsamung des Abbaus dieses Neurotransmitters und können die Symptome bessern. Wichtiger noch: Die Verschlechterung der Demenz kann länger hintangehalten werden. Allerdings sprechen PatientInnen sehr unterschiedlich auf die Medikamente an, sodass nicht prognostiziert werden kann, wie stark die Besserung ist und wie lange eine Verschlechterung damit aufgeschoben werden kann.

Das Gehirn trainieren

Auch bei diagnostizierter Alzheimer-Demenz sollten geistige Tätigkeit und Bewegung weiterhin ein wichtiger Teil der Therapie bleiben. Spatt zieht sie sogar gezieltem Gedächtnistraining mittels bestimmter Übungen vor: „Wer immer gern gelesen hat, sollte das auch weiterhin tun“, rät er. Auch gemeinsam Nachrichten zu hören oder zu sehen und danach darüber zu sprechen, ist sinnvoll. Wer finanzielle Unterstützung für Maßnahmen zum Gedächtnistraining benötigt, kann sich seit einiger Zeit auch an die Volkshilfe wenden. „Wir haben einen Fonds eingerichtet, bei dem pro Jahr bis zu 750 Euro für Gedächtnistrainings beantragt werden können“, sagt Teresa Kurzbauer von der Volkshilfe Wien. Angehörige und FreundInnen sollten zudem – behutsam – versuchen, den sozialen Rückzug des Betroffenen möglichst zu verhindern. PatientInnen, die unter Alzheimer-Demenz leiden, sind oft sehr unruhig. Hier können lange Spaziergänge eine hervorragende Möglichkeit sein, diese Unruhe zu kanalisieren und Bewegung in den Alltag einzubauen.
Die Unterstützung durch Angehörige und FreundInnen ist für PatientInnen mit Alzheimer-Demenz von enormer Wichtigkeit. „Das ist nicht leicht“, weiß auch Spatt. „Vor allem, wenn sich die Symptomatik verschlimmert und Verhaltensauffälligkeiten auftreten.“ Betroffene können dann aggressiv werden, schimpfen und schreien, auch persönliche Beleidigungen der betroffenen Angehörigen können vorkommen. „Es existiert mittlerweile eine ganze Reihe von Unterstützungsmöglichkeiten für die pflegenden Angehörigen, die auch in Anspruch genommen werden sollten (siehe Kasten). Langfristig lässt sich die Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung oft nicht verhindern: „Wir können der Erkrankung gegensteuern, sie aber leider nicht aufhalten“, sagt Spatt. Die Zeit, bis eine solche absolute Pflegebedürftigkeit gegeben ist, beträgt im Durchschnitt sechs Jahre. Aber auch hier bestehen, wie bei der Wirkungsweise der Acetylcholinesterasehemmer, starke interindividuelle Unterschiede.

 Solides Umfeld

Wenn es im mittleren Stadium der Alzheimer-Demenz zu einer Verschlechterung trotz laufender Medikation kommt, wird eine andere Substanz, Memantine, verschrieben. Dieses Medikament greift ins glutamaterge System im Gehirn ein. Eine Störung der Produktion des Botenstoffs Glutamat spielt eine wichtige Rolle in der Entstehung einer Demenzerkrankung. Memantine blockiert schädliche Glutamat-Wirkungen und kann damit das Absterben von Nervenzellen verhindern.
Außerdem werden individuell andere auftretende Störungen, wie Angst, Wahnideen, Depressionen und Aggressionsdurchbrüche behandelt. „Dabei kommen verschiedene Psychopharmaka zur Anwendung, die sehr gut wirken“, erklärt Spatt. Neben der medikamentösen Therapie sollte zudem auf ein ruhiges, solides Umfeld, einen gleichbleibenden Tagesablauf und die Unterstützung der pflegenden Angehörigen geachtet werden, weil ein gestresster Angehöriger letztlich auch den Patienten beunruhigen kann.
Für die Zukunft wünscht sich der ärztliche Leiter des Neurologischen Krankenhauses Rosenhügel die Erforschung von Biomarkern, die eine möglichst frühe Diagnostik ermöglichen sollen, und damit auch ein wesentlicher Baustein für neue therapeutische Maßnahmen darstellen. „Es wird in diesem Bereich viel geforscht, leider konnte bislang allerdings noch nicht viel in die klinische Praxis eingebracht werden.“ Alzheimer-Demenz ist eine sehr komplexe Erkrankung. Zu ihrer Entstehung tragen viele verschiedene Faktoren bei. Das macht auch die vielbesprochene „Impfung“ gegen Alzheimer-Demenz so schwierig. Bisherige Versuche, die teilweise durchaus vielversprechend wirkten, konnten bis dato nicht in die Praxis umgesetzt werden. Spatt gibt die Hoffnung allerdings nicht auf: „Ich könnte mir dennoch vorstellen, dass die Impfstrategie irgendwann zum Erfolg führen könnte“, resümiert der Neurologe abschließend.

Infos für Angehörige:

@FOTO: FOTOLIA.DE

 

Unser Interviewpartner:

Doz. Dr. Josef Spatt, Ärztlicher Leiter des Neurologischen Rehabilitationszentrums Rosenhügel in Wien und Spezialist für Demenzerkrankungen

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch das Nutzen dieser Seite sind Sie mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close