Diabetes

Ernährung und Bewegung heilen Zuckerkrankheit

53 Millionen Menschen sind europaweit an Typ-2-Diabetes erkrankt. In Österreich betrifft diese Erkrankung mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Neue Therapiemöglichkeiten und alte Lebensstiländerungen können viel zu einer Besserung der Erkrankung beitragen.

Etwa 430.000 diagnostizierte DiabetikerInnen leben in Österreich. Geschätzte 143.000 bis 215.000 sind erkrankt, wurden aber noch nicht diagnostiziert. Jährlich kommen zirka 30.000 Neuerkrankungen hinzu. Typ- 2-Diabetes kann daher mit Fug und Recht als Volkskrankheit bezeichnet werden. „Die State- of-the-Art-Behandlung des Typ-2-Diabetes beginnt in der Primärprävention“, zeigt sich Univ.-Prof. Dr. Thomas Pieber, Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel an der MedUni Graz überzeugt. Zwar zählt auch eine familiäre Belastung zu den Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes, ein deutlich stärkeres Gewicht liegt allerdings auf den beiden Lebensstilfaktoren Ernährung und Bewegung. „Wer sich gesund ernährt und wenigstens dreimal in der Woche 30 Minuten Bewegung macht, kann die Entstehung dieser Erkrankung verhindern“, sagt Pieber.

Wenn neben der familiären Belastung weitere Risikofaktoren (siehe Kasten 1) vorliegen, tritt langsam, aber sicher nicht nur eine Verschlechterung der Insulinwirkung ein, sondern auch ein Insulinmangel auf, der zu einem Typ-2-Diabetes führt. Die Diagnose der Erkrankung ist einfach: „Wir messen zuerst den Nüchternblutzucker“, erläutert Stoffwechselspezialist Pieber. Wenn der gemessene Wert über 126 liegt, ist die Diagnose gesichert.“ Liegt der Wert dagegen zwischen 100 und 125, muss zudem ein Glukosetoleranztest durchgeführt werden. Der Patient nimmt 75 mg Zuckerlösung zu sich – dann wird zwei Stunden gewartet. Danach wird erneut gemessen. Liegt der Wert über 200 mg/dl liegt ein Typ-2-Diabetes vor.

 Risiko abschätzen

Vor einer wirksamen Therapie der Erkrankung muss noch ein sogenanntes Risikoassessment durchgeführt werden. Dabei wird festgestellt, ob weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und/ oder Übergewicht vorliegen. Außerdem wird festgestellt, ob der Patient raucht.
Die State-of-the-Art-Behandlung eines Typ-2-Diabetes besteht nicht in erster Linie in einer medikamentösen Behandlung: „Viele Betroffene hören das nicht gern“, sagt Thomas Pieber: „Aber die beste Therapie beim Typ-2-Diabetes sind Gewichtsreduktion, ausgewogene Ernährung und Bewegung – dreimal die Woche für mindestens 30 Minuten.“ Wenn PatientInnen diese Lebensstilumstellung schaffen und ihr Gewicht reduzieren, verschwindet die Erkrankung. Konkrete Diätvorschläge macht der Stoffwechselexperte nicht: „Egal, ob sie das Fett weglassen, FDH betreiben oder eine Mahlzeit täglich ausfällt, die beste Methode ist die, mit der der Patient gut leben und Gewicht reduzieren kann.“

Blutzucker senken reicht nicht

Wenn Lebensstiländerungen nicht oder nicht ausreichend durchgeführt werden (können), ist eine medikamentöse Therapie notwendig, damit die noch vorhandene Insulinproduktion und die Stoffwechselvorgänge so gut und so lange wie möglich erhalten werden können. „Es ist mittlerweile eine große Anzahl verschiedener Medikamente in Tablettenform auf dem Markt, die eine individuelle Therapieentscheidung für jeden Patienten möglich machen“, erläutert Pieber. „Die Behandlung richtet sich dabei auch nach dem Risikoprofil.“ Neben der wirksamen Senkung des Blutzuckers ist die Kontrolle des Blutdrucks mindestens genauso wichtig.

Die gute Blutzuckereinstellung ist das A und O einer wirksamen Diabetes-Therapie. Die Österreichische Diabetes Gesellschaft hat in ihren Richtlinien festgelegt, dass ein HbA1c-Wert von unter 6,5 als ideal gilt (zum HbA1c siehe Kasten 2). Allerdings variiert die Einstellung von Patient zu Patient. Bei relativ jungen, gesunden DiabetikerInnen sollte ein Wert unter 6,5 angepeilt werden, bei älteren Patienten, die zusätzlich andere Erkrankungen aufweisen, kann auch mit einem Wert von 8 ein befriedigendes Ergebnis erzielt werden. „Wenn der Blutzucker gut eingestellt ist, können Betroffene bei normaler Lebenserwartung sehr lange ohne die gefürchteten Spätkomplikationen leben“, weiß auch Pieber. In Österreich sterben jährlich etwa 3.000 Menschen direkt an ihrer Erkrankung. Deutlich höher ist die Zahl jener, bei denen Spätkomplikationen wie etwa Herzerkrankungen zum Tod führen.

Wenn eine ausreichende Blutzuckereinstellung mit Medikamenten in Tablettenform nicht erreicht werden kann, muss der Patient Insulin zuführen, damit der mit der Nahrung aufgenommene Zucker im Körper verarbeitet werden kann. „Auch hier liegt mittlerweile eine breite Palette an Insulinpräparaten vor, um jeden Betroffenen optimal versorgen zu können“, erklärt Pieber.

Biomarker und …

Um die Erkrankung künftig früher und eindeutiger dia­gnostizieren zu können, forschen WissenschaftlerInnen an möglichen Biomarkern im Blut: „Bislang allerdings konnte noch kein Test entwickelt werden, der klinische Anwendung finden kann“, bedauert Pieber. Weiter sind die ForscherInnen bei Medikamenten, die helfen, das Gewicht zu reduzieren. „In diesem Bereich wird in den kommenden Jahren eine ganze Reihe von neuen Arzneimitteln auf den Markt kommen“, sagt der Stoffwechselexperte.

PatientInnen gesucht

Echte Forschungsfortschritte sind allerdings nur dann möglich, wenn möglichst viele PatientInnen an Studien teilnehmen. Und da ortet Pieber Informationsbedarf: „Die jungen Typ-1-DiabetikerInnen rennen uns die Tür ein, um an einer Studie teilnehmen zu können – bei den Typ-2-DiabetikerInnen ist das leider nicht so.“ Um an einer Studie für neue und sichere Diabetes-Medikamente teilnehmen zu können, muss lediglich das nächste Diabeteszentrum aufgesucht und aktiv nach einer Teilnahme gefragt werden. Eine Liste der Studienzentren finden Sie in der Tabelle auf der nächsten Seite. Eine Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie bringt nicht nur den Forschenden Wissensgewinn, sie ermöglicht auch den PatientInnen Therapien, die noch nicht auf dem Markt sind. „Eine echte State-of-the- Art-Therapie also“, resümiert Thomas Pieber abschließend.

@FOTO: FOTOLIA.COM

Risikofaktoren für Diabetes mellitus Typ 2

veränderbar:
• Rauchen
• Bluthochdruck (Hypertonie)
• erhöhte Blutfettwerte (Hypercholesterinämie)
• Übergewicht

 nicht veränderbar:
• höheres Lebensalter
• genetische (erbliche) Belastung
• Schwangerschaftsdiabetes

PieberUnser Interviewpartner:

Thomas Pieber, Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel an der MedUni Graz

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