Kinder- und Jugendheilkunde

Umfassendes Wissen vom Baby
bis zum Jugendlichen

Die Kindermedizin ist das einzige klinische Fachgebiet, das sich mit dem ganzen Menschen befasst – also nicht organbezogen ist. SpezialistInnen auf diesem Gebiet brauchen ein breites Fachwissen und Spezialkenntnisse, um Kinder und Jugendliche optimal betreuen zu können.

Im Interview spricht Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendliche am Landeskrankenhaus Leoben, über die Herausforderungen und die Voraussetzungen für eine optimale Kinder- und Jugendheilkunde.

Was alles umfasst die Kinder- und Jugendheilkunde?
Kerbl: Als einziges klinisches Fach, das nicht organbezogen ist, versorgen wir vom 400 g schweren Frühchen bis zum krankhaft übergewichtigen Jugendlichen mit 18 Jahren alle Erkrankungen. Das unterscheidet uns von anderen medizinischen Disziplinen.
Die Kinder- und Jugendheilkunde kann somit durchaus als das umfangreichste Fachgebiet der Medizin bezeichnet werden. Das reicht von den typischen Erkrankungen der inneren Medizin über neurologische und psychische Krankheiten bis hin zur Infektiologie und deren Prävention, wenn wir etwa an die Impfungen denken.
Dazu kommen selbstverständlich auch noch das große Gebiet der Frühgeborenenmedizin, die Sozialpädiatrie und der Kinder- und Jugenddermatologie.

Wie kann das von einem Kinderarzt/einer Kinderärztin abgedeckt werden?
Von einem Einzelnen gar nicht. Im niedergelassenen Bereich braucht es KinderärztInnen, die ein breites Wissen haben und als Erstversorger und Gatekeeper fungieren. Das bedeutet eine Versorgung von Kindern und Jugendlichen, wenn es um weniger bedrohliche Erkrankungen geht. Denken Sie an die Grippe, Mittelohrentzündungen oder Asthma. Auch die Impfungen obliegen dem niedergelassenen Kinderarzt. Und dann braucht es das Wissen und die Erfahrung, bedrohliche Erkrankungsbilder zu erkennen und an spezialisierte KinderärztInnen im Krankenhaus zu überweisen. Es gibt teilweise aber auch im niedergelassenen Bereich KinderärztInnen, die sich zusätzlich zur Allgemeinversorgung auf bestimmte Erkrankungen spezialisiert haben.

Wie ist die Kinderheilkunde im Krankenhaus organisiert?
Damit Kinder und Jugendliche im Krankenhaus optimal versorgt werden können, sind mehrere Voraussetzungen notwendig. Zum einen sind die KinderärztInnen im Krankenhaus meist auf ein bis zwei Gebiete spezialisiert – also etwa auf Herzheilkunde, Lungenheilkunde, Nierenheilkunde, Infektionskrankheiten oder Kinderrheumatologie. Dazu kommen aber noch weitere Spezialgebiete wie die Neonatologie, also die Frühgeborenenmedizin, Magen-Darm-Erkrankungen oder die Kinder- und Jugendpsychosomatik. Diese Spezialisierungen ermöglichen es uns im Krankenhaus, tatsächlich das gesamte Spektrum der Kinder- und Jugendheilkunde abzudecken.

Was macht eine State-of-the Art-Behandlung in der Kinder- und Jugendheilkunde im Spital noch aus?
Hier ist der multidisziplinäre Ansatz ungeheuer wichtig. Kinder- und Jugendheilkunde ist eine Teamdisziplin. Dazu gehört das Pflegepersonal ebenso wie Ergo-, Logo- und Physiotherapie, Heilpädagogik, Sozialarbeit und Psychologie. Nur gemeinsam kann heute Kindermedizin state of the art durchgeführt werden. Und unabdingbar ist natürlich die menschliche Komponente. Um Kinder und Jugendliche zu behandeln, müssen ein guter Zugang zu Kindern und die Freude an der Arbeit mit Kindern und deren Eltern gegeben sein. Elternbegleitung ist ein unbedingtes Erfordernis, wenn kranke Kinder im Spital behandelt werden müssen. Dann müssen natürlich auch die Räumlichkeiten kinder- und elterngerecht ausgestattet sein. Da braucht es bunte Farben, Spielzeug, alles, was die ungewohnte Umgebung so wohnlich wie möglich sein lässt. Die Kinderstation im LKH Leoben bekommt regelmäßig Besuch von den Cliniclowns.

Welche Fähigkeiten brauchen die Pflegekräfte auf einer Kinderstation?
Abgesehen von der Empathie und der Freude an der Arbeit mit Kindern brauchen Pflegekräfte auf einer Kinderstation spezielle Fähigkeiten, die etwa PflegerInnen auf Erwachsenenstationen nicht notwendigerweise haben müssen. Sie müssen etwa die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes seinem Alter gemäß einstufen, die Eltern zur Pflege und Betreuung des Kindes anleiten und – auch bei ungünstigen Umständen – das Kind möglichst selbstständig halten. Aus diesen Gründen ist es auch so wichtig, dass die Berufsausbildung zur „Kinderkrankenschwester“ in Österreich erhalten bleibt.

Ist diese Spezialisierung gefährdet?
Ja. Es gibt Bestrebungen, sämtliche Pflegekräfte gemeinsam auszubilden und nur mehr direkt auf der Station, auf der sie danach tätig sind, einzuschulen. Das ist zu wenig. Wir wissen aus Erfahrungen in anderen Ländern, das sich die Pflegequalität verschlechtert, wenn PatientInnen verschiedener Altersstufen von ein und denselben Pflegekräften betreut werden. Kinderpflegekräfte brauchen spezielle Fähigkeiten und eine spezielle Ausbildung.

Was wird die Zukunft in der Kinder- und Jugendheilkunde bringen?
Wir haben seit heuer endlich ein neues Arzneimittelnetzwerk zur Erforschung von Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen. Das ist enorm wichtig, weil Kinder keine Miniatur-Erwachsenen sind. Mit dieser neuen Einrichtung können wir Medikamente erforschen, die maßgeschneidert für Kinder sind. Das wird viel verbessern. Große Fortschritte gibt es auch beim Infektionsschutz, den wir vor allem den bestehenden, aber auch den neu auf den Markt kommenden Impfungen verdanken. Die größten Fortschritte sehe ich allerdings in der Genetik. Vor zehn Jahren hat z. B. niemand gewusst, dass verschiedene Formen des Autismus genetisch bedingt sind. Heute ist das bekannt. Ich erhoffe mir aus diesem Bereich viele neue Erkenntnisse in der Diagnostik, in absehbarer Zeit aber auch neue therapeutische Möglichkeiten für unsere kleinen PatientInnen.

@FOTO: 123RF

Unser Interviewpartner:

Reinhold Kerbl,
Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendliche am
Landeskrankenhaus Leoben

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