Schlaganfall

Zeit ist Hirngewebe!

Rund 20.000 Menschen in Österreich erleiden jedes Jahr einen Schlaganfall. Betroffene und Angehörige sollten ausdrücklich fordern, in ein Krankenhaus mit einer Stroke-Unit gebracht zu werden.

Im Interview berichtet der stellvertretende Leiter der Abteilung für Neurologie an der Wagner-Jauregg Nervenklinik Linz, Hans-Peter Haring, über die notwendigen Voraussetzungen für eine State-of-the-Art-Behandlung des Schlaganfalls sowie über den Verlauf einer solchen Therapie.

Welche Voraussetzungen sind für eine State-of-the-Art-Behandlung des Schlaganfalls unbedingt erforderlich?
Sie brauchen eine Stroke Unit, eine radiologische Abteilung, die rund um die Uhr verfügbar ist und über Computer- und Magnetresonanztomografie verfügt. Auch das Labor muss 24 Stunden täglich erreichbar sein. In Österreich konnten diese Voraussetzungen inzwischen flächendeckend geschaffen werden. In jedem Bundesland gibt es mehrere Krankenhäuser, die über eine Stroke Unit und die notwendigen Strukturen verfügen. Zusätzlich bieten große Zentren in ganz Österreich zusätzlich eine neuroradiologische Versorgung rund um die Uhr an.

Zeit spielt beim Schlaganfall eine wichtige Rolle. Wie viel Zeit hat der Patient/die Patientin, um optimal versorgt zu werden?
Zeit ist Hirngewebe – je mehr Zeit von den ersten Symptomen bis zur Therapie in der Stroke Unit vergeht, desto mehr Schäden können im Gehirn entstehen. Bis maximal 4,5 Stunden nach Beginn der Symptome ist eine erfolgversprechende Akutversorgung möglich. Allerdings nimmt diese Chance von Minute eins an ab. Deshalb macht es auch Sinn, wenn PatientInnen und/oder Angehörige darauf drängen, direkt in ein Krankenhaus mit Stroke Unit gebracht zu werden.

 Was sind denn typische Symptome, die auf einen Schlaganfall hindeuten?
Da der Schlaganfall still und schmerzlos verläuft, muss man besonders auf folgende Symptome achten: ein plötzlich auftretender hängender Mundwinkel, ein plötzlich herabhängender Arm, Sprachstörungen, halbseitige Sehstörungen oder unerklärlicher massiver Schwindel, so als wäre die Person betrunken. In solchen Fällen sollte die Rettung angerufen und eine Stroke Unit angefahren werden.

Wie beginnt die Akutversorgung?
Wenn der Patient auf die Stroke Unit kommt, wird er neurologisch notuntersucht. Weiters wird eine Magnetresonanztomografie oder Computertomografie durchgeführt, um das Geschehen im Gehirn abzuklären. Schlaganfälle entstehen am häufigsten, wenn ein Blutgerinnsel im Gehirn eine Arterie verschließt. Je größer, die Arterie, die verschlossen wird, ist, desto schwerer ist der Schlaganfall. In etwa drei Prozent der Fälle treten Schlaganfälle aufgrund von Blutungen im Gehirn auf.

Was geschieht, nachdem die Diagnose gesichert ist?
Wir haben prinzipiell zwei Therapiemöglichkeiten: Das Blutgerinnsel kann medikamentös aufgelöst werden. Dies wird als Thrombolyse bezeichnet. Die zweite Interventionsmöglichkeit ist die Katheter-Behandlung. Dabei wird – meist über die Leistenarterie – ein Katheter bis zum betroffenen Hirngefäß hochgeschoben und das Gerinnsel mit Hilfe des Katheters entfernt.

Wann wird welche Therapieoption gewählt?
Die Katheterintervention ist den sehr schweren Schlaganfällen vorbehalten, bei denen große Arterien im Gehirn verschlossen sind, hier wird außerdem zusätzlich eine Thrombolyse durchgeführt. Bei einem leichteren Schlaganfall wird die medikamentöse Behandlung vorgezogen.

Was geschieht nach der Akutversorgung?
Wenn der Patient stabilisiert wurde, beginnt die Ursachenforschung. Risikofaktoren für Schlaganfälle sind etwa Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Diabetes mellitus, Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern oder eine Engstellung an der Halsarterie. Innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Akutversorgung sollten diese Risikofaktoren behandelt werden. Natürlich müssen auch die anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und erhöhte Zuckerwerte medikamentös eingestellt werden.

Wann beginnt die Rehabilitation?
Wenn der klinische Zustand des Patienten das zulässt, beginnt diese Phase an Tag eins nach der Akutversorgung. Diese Akutrehabilitation findet noch auf der Stroke Unit statt und umfasst Ergo-, Logo- und Physiotherapie. Auch hier gilt: Zeit ist Hirn. Je schneller mit der Rehabilitation begonnen werden kann, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

Worauf ist noch zu achten?
Eine zweite, sehr wichtige Sache ist das Komplikationsmanagement. Wenn etwa Schluckstörungen aufgrund des Schlaganfalls auftreten, kann es zu Aspirationen in die Lunge kommen, was zu einer Lungenentzündung führen kann. Sind Lähmungserscheinungen – etwa im Bein – vorhanden, muss gegen Thrombosebildung behandelt werden.

In welcher Form erfolgt die Rehabilitation nach dem Aufenthalt auf der Stroke Unit?
Im Idealfall geht der Patient nach fünf Tagen gesund nach Hause. Das ist zwar selten, bei ca. 15% der Patienten, aber doch der Fall. In der Regel verbringt der Patient allerdings einige Zeit auf der neurologischen Station oder auf einer Frührehabilitationsstation. Vor der Verlegung muss der Patient stabil sein und die Ursachenforschung abgeschlossen. Mit Hilfe einer Übergangsrehabilitation wird forciert mit dem Patienten gearbeitet, um möglichst viele – durch die Erkrankung entstandene – Schädigungen zu beseitigen.

Wann sollte die Rehabilitation in einem speziellen Zentrum begonnen werden?
Das ist individuell sehr verschieden und hängt auch vom Schweregrad des Schlaganfalls und den Ressourcen des Patienten ab. Der Zeitraum beträgt aber in Etwa zwei bis sechs Wochen ab Eintritt des Akutereignissese. Wichtig ist: 90 Prozent aller PatientInnen, die sich in eine Rehabilitationseinrichtung begeben, verbessern ihre Fähigkeiten auch. Aber auch nach Beendigung des Rehabilitationsaufenthaltes sollten Physio-, Logo- und Ergotherapie ambulant fortgesetzt werden. Das kann durchaus bis zu 18 Monate nach dem Akutereignis notwendig sein.

@FOTO: PIXELIO.DE

Unser Interviewpartner:

Hans-Peter Haring,
Stellvertretender Leiter der Abteilung für Neurologie an der Wagner-Jauregg Nervenklinik Linz

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