Zukunft der Pflege: Nicht jeder wird ein Pflegefall

Die Generation 55+ ist fitter und leistungsstärker als je zuvor: Warum wir trotz höherer Lebenserwartung nicht zu einem Land voll pflegebedürftiger Menschen werden,
erklärt Professor Zellmann.

Von den derzeit in Österreich lebenden rund rund 8,5 Mio Menschen sind 30 % 55 Jahre oder älter, bis 2075 wird der Anteil auf 40 % steigen. Wer jetzt allerdings glaubt, dass wir damit auf eine geriatrische Zukunft mit einem Heer von Pflegebedürftigen zusteuern, sitzt einem demografischen Rechenfehler auf.
„Einerseits sinken die Geburtenraten, andererseits werden die Menschen älter. Das führt klarerweise dazu, dass das Durchschnittsalter steigt“, so Professor Mag. Peter Zellmann, Leiter des Zukunftsinstituts und damit einer der führenden Experten des Landes, wenn es darum geht, kommende Entwicklungen zu analysieren.

„Die Menschen leben nicht nur länger, sie bleiben auch länger fit und gesund. Heute 76-Jährige entsprechen hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Verfassung in der Regel etwa den 55-Jährigen des beginnenden 20. Jahrhunderts“, so Zellmann weiter.
Der „echte“ Altenanteil werde auch 2075 wie bisher bei rund 7 Prozent liegen. Allerdings wird in dieser Gruppe der Anteil jener, die nicht im eigenen Familienverband versorgt werden, größer. „In diesem Bereich wird es sicher eine Zunahme des Pflegebedarfs geben“, sagt Zellmann.
Die viel größeren gesellschaftlichen Probleme, die der Forscher auf uns zukommen sieht, liegen daher weniger im Bereich der klassischen Pflege. „Wir werden ja nicht alle mit 75 dement und zum Pflegefall“, so Zellmann, sondern in einem Bereich, der in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion derzeit (noch) völlig ausgeklammert wird.
„Die Generation 55+ ist die am stärksten wachsende Gesellschaftsgruppe. Hier aber von alt zu sprechen, verkennt die Lebenssituation dieser Menschen völlig. Denn dabei handelt es sich nicht um Senioren im traditionellen Sinne, sondern um Menschen, die mitten im Leben stehen, fit und aktiv, leistungsbereit und vor allem auch leistungswillig sind“, erläutert Zellmann und führt weiter aus: „Mit der Ansteigen der Lebenserwartung wäre es notwendig gewesen, auch die Altengrenze entsprechend anzuheben und die Pensions- und Ausbildungszeiten anzupassen. Das wurde verabsäumt und diese 4. Generation wird heute noch weitgehend aus der Diskussion ausgeklammert.“

Zwar merke man erste Versuche der Werbeindustrie, die Silver Surfer, Grauen Panther oder Best Ager als wirtschaftlich relevante Zielgruppe zu bedienen, doch auch hier dominieren meist die typischen seniorenspezifischen Themen.
„Ein Wirtschaftszweig, der das Potenzial dieser Gruppe konsequent erfasst hat, ist die Freizeit- und Tourismusbranche“, so Zellmann weiter. Das sei aber weniger auf deren besondere Innovationsfreude zurückzuführen, sondern liege unter anderem an den landschaftlichen und klimatischen Gegebenheiten in Österreich, die für die unterschiedlichsten Arten von Aktivurlaub und damit für alle Altersgruppen ideal wären.
Eventuell aufkommende Hoffnungen auf eine wachsende Gruppe unternehmungslustiger und zahlungskräftiger Jung-Senioren werden aber nicht erfüllt.

„Der Anteil der fitten Senioren, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen, um ihren Ruhestand mit Hobby und Urlaub zu verbringen, liegt derzeit bei rund 30 %, und daran wird sich auch in Zukunfts nicht viel ändern“, so Zellmann.
Auf der faulen Haut liegt die ältere Generation aber nicht. „Schon heute leisten Senioren freiwillig einen nicht unwesentlichen Beitrag für die Gesellschaft, etwa indem sie ihre Enkel betreuen, sich um Nachbarn kümmern oder in Vereinen und Institutionen ehrenamtlich aktiv sind.“
Laut einer GfK-Umfrage aus dem Vorjahr für den österreichischen Seniorenbund ist  ein Viertel der über 60-Jährigen bereits regelmäßig ehrenamtlich aktiv und weitere 20 % gaben an, dass sie gerne freiwillig tätig wären.

„Sich für die Gesellschaft zu engagieren, ist dem Menschen angeboren. Diese Leistung muss aber auch bewertet und der Gesellschaftsvertrag neu definiert werden“, sagt der Zukunftsforscher.
Zwar spielen aktuell für die Freiwilligen finanzielle Gründe eine untergeordnete Rolle, das wird sich laut Zellmann aber ändern. Denn es wächst vor allem die Gruppe jener, deren Pension keine großen Sprünge zulässt, und die daher schon aus wirtschaftlichen Gründen den Ruhestand nicht allein dem dolce far niente werden widmen können.

„Bisher wurde es leider verabsäumt, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, daher ist hier künftig Eigeninitiative notwendig, indem man sich möglichst frühzeitig informiert, in welchen Bereichen man später seine Kenntnisse und Fähigkeiten einbringen kann“, rät Zellmann. Bedenken sollte man aber auch, dass der Zuverdienst zur Pension vielleicht nicht üppig ausfallen wird „Materielles Zurückstecken kann aber auch ein Mehr an Lebensqualität bringen“, so Zellmann abschließend.

Zur Person

Professor Mag. Peter Zellmann ist Erziehungswissenschafter und lehrte unter anderem an der Pädagogischen Akademie und der Universität Wien. Seit 1987 ist er wissenschaftlicher und administrativer Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT) in Wien. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Freizeitforschung und Freizeitpädagogik,
Lebensstil- und Zukunftsforschung sowie die Beratung von Politikern und Unternehmen. Zellmann ist Träger des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich

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